Kein Sparstrumpf

Bürgerschaftliches Engagement ist zu wertvoll, als dass es zum Ersatz von Hauptamtlichen und zur Kostensenkung instrumentalisiert werden dürfte

Immer schon ist das ehrenamtliche Engagement Teil christlicher Glaubenspraxis gewesen. Heute erhofft sich der Staat von Freiwilligen zunehmend Entlastung in sozialen Bereichen, die unter hohem Kostendruck stehen. Das führt zu Koflikten, die dem bürgerschaftlichen Engagement schaden.

 

Freiwilliges, ehrenamtliches Engagement hat das Handeln der Caritas von Beginn an geprägt. In diesem Engagement wird der kirchliche Grundauftrag der Nächstenliebe praktisch sichtbar. Das Ehrenamt in der Caritas hat viele Gesichter; es umfasst z. B. das soziale Engagement in Pfarrgemeinden und Caritas- bzw. Vinzenz-Konferenzen, die ehrenamtliche Leitung von Caritas- und Fachverbänden, die vielen freiwilligen Tätigkeiten im Gesamtkomplex der caritativen Einrichtungen und Dienste, wie z. B. Besuchsdienste im Altenheim oder Krankenhaus oder ehrenamtliche Mitarbeit im Hospiz. Dazu gehört aber auch die Mitarbeit in Selbsthilfegruppen oder das projektbezogene Engagement, wie es z. B. in Freiwilligenzentren vermittelt wird. Diese beispielhafte Aufzählung unterstreicht die - auch zahlenmäßig - große Bedeutung freiwilligen, ehrenamtlichen Engagements in der Caritas. In ihrer spezifischen Fachlichkeit sorgen Ehrenamtliche für die notwendige solidarische Einbindung caritativen Handelns in Kirche, Gesellschaft und den sozialen Raum.

 

Aber nicht nur aus Sicht der Caritas ist und bleibt ehren-amtliches Engagement ein unverzichtbarer Bestandteil ihres Handelns. Auch in Staat und Gesellschaft ist das bürgerschaftliche Engagement unverzichtbar für den Zusammenhalt einer immer stärker individualisierten und pluralisierten Gesellschaft. Gerade eine moderne demokratische Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass unverzichtbare solidarische Werte und Orientierungen so im Miteinander auch tatsächlich gelebt und erlebt werden können.

Aus dieser Erkenntnis heraus betonen auch die politisch Verantwortlichen aller Parteien die besondere Bedeutung des ehrenamtlichen, bürgerschaftlichen Engagements und bekennen sich zur Förderung dieses Engagements als einer staatlichen Aufgabe. Leider hält dabei die tatsächliche, auch finanziell messbare Unterstützung nicht immer mit den deklamatorischen Erklärungen Schritt. Auch in Nordrhein-Westfalen konnten wir dazu in den letzten Jahren einige Beispiele erleben. So wurde z. B. in der Regierungserklärung zu Beginn dieser Legislaturperiode vom damaligen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement eine "Stiftung zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements" angekündigt, von der Landesregierung bis heute aber nicht umgesetzt. Es muss der Eindruck entstehen, dass mit Blick auf fehlende Finanzen eher solche Projekte wie der "Landesnachweis NRW - Engagiert im sozialen Ehrenamt - Nutzen und Bedeutung am Arbeitsmarkt" angegangen wurden - ein für sich genommen wirklich sinnvolles Projekt, das von der Landesregierung keinen wesentlichen Mitteleinsatz erforderte. Eingestellt wurde jedoch nach einer Anschubfinanzierung die Förderung der Arbeit der so genannten Freiwilligenzentren, obwohl es doch gerade hier gelingt, auch neue Personengruppen für ein bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen.

 

Diese Beispiele machen deutlich, dass - trotz wichtiger Verbesserungen wie z. B. der in der letzten Legislaturperiode eingeführten Versicherung der Freiwilligen - die Förderung der Rahmenbedingungen für freiwilliges, bürgerschaftliches Engagement eine zentrale Aufgabe der Politik auch in der nächsten Legislaturperiode bleiben wird. Dazu gehören insbesondere die angemessene Vorbereitung, Qualifizierung und Fortbildung sowie eine Erstattung der Auslagen für das freiwillige Engagement.

 

Die im Rahmen der Richtlinienveränderung eröffnete Möglichkeit, die Leistungen der Freiwilligen als Teil der notwendigen Eigenleistung für die Finanzierung eines Projektes einzusetzen, stellt dabei durchaus einen Schritt in die richtige Richtung dar. Die praktische Umsetzung scheitert aber häufig an der fehlenden Bewertungsmöglichkeit in Euro und Cent für die erbrachten Zeit- und Sachspenden.

 

Bürgerschaftliches Engagement, auch das wird in den politischen Debatten deutlich, spielt eine zentrale Rolle in den Überlegungen zur Neubestimmung der Sozialpolitik angesichts schwindender öffentlicher Mittel. Mit Blick auf die leeren Kassen öffentlicher Kostenträger wird im Einsatz ehrenamtlicher Kräfte eine gute Möglichkeit gesehen, die Kosten sozialer Dienstleistungen zu reduzieren und den aus Finanzgründen notwendigen Abbau hauptamtlicher Personalressourcen auszugleichen. Gleichzeitig, so wird gesagt, findet gesellschaftspolitisch gewolltes Engagement (vgl. oben) so eine "sinnvolle Verwendung". Gegen eine solche Instrumentalisierung des bürgerschaftlichen Engagements haben sich die Caritas und die anderen Wohlfahrtsverbände immer wieder sehr deutlich ausgesprochen. Freiwillig erbrachtes Engagement darf in seinem Wert nicht daran bemessen werden, inwieweit es gelingt, hauptamtliches Handeln zu ersetzen; vielmehr muss der Beitrag der Ehrenamtlichen als eigenständige Leistung mit eigener Fachlichkeit anerkannt werden. Ehrenamtliches Engagement eignet sich eben nicht als "Sparstrumpf", ganz im Gegenteil, gerade so würde die persönliche Motivation vieler Freiwilliger zerstört.

 

Aus dem gleichen Grund lehnt die Caritas auch die Zahlung einer Aufwandsentschädigung für Freiwillige ab, soweit sie über die Erstattung der Kosten hinausgeht. Auch hierin sehen wir einen Versuch, billige Aushilfskräfte für fehlende hauptamtliche Personalressourcen zu gewinnen. Dies entspricht nicht den Wünschen der Freiwilligen, die ihr Engagement vielfach gerade in der Zusammenarbeit mit dem vorhandenen hauptamlichen Engagement sehen. Darüber hinaus birgt eine solche Entwicklung die Gefahr, dass unterhalb von "Mini-Jobs" ein neuer "Niedrigstlohnsektor" ohne soziale Absicherung geschaffen wird.

 

Diese Diskussion hat - und das wird heute spürbar - darüber hinaus natürlich noch eine weitere Konsequenz: Das Verhältnis zwischen Hauptamtlichen und Ehren-amtlichen wird weiter belastet. Aus Sicht der Hauptamtlichen entsteht die Befürchtung, dass ehrenamtliches Engagement ihre eigene hauptamtliche Tätigkeit entwertet und verdrängt und damit auch mittel- und langfristig zum Arbeitsplatzabbau beiträgt. Ehrenamtliches Engagement wird dann folgerichtig durch die Haupt-amtlichen nicht mehr so gestützt, wie es nötig wäre. Gleiches gilt häufig auch für die Träger von Diensten und Einrichtungen. Es wird befürchtet - teilweise durchaus zu Recht -, dass der Einsatz ehrenamtlicher Kräfte dazu führt, dass die Kostenträger die vereinbarten Entgelte mit Verweis auf die geringeren Kosten kürzen und somit den Kostendruck auf die Dienste und Einrichtungen weiter erhöhen. So wird es nicht gelingen, den Einsatz von Ehrenamtlichen als selbstverständlichen Bestandteil der Dienste und Einrichtungen zu stärken und weiter auszubauen, im Gegenteil, vorhandene Vorbehalte und Hindernisse werden verstärkt.

Wenn die Politik wirklich eine neue "Kultur des Ehrenamtes" im sozialen Bereich fördern und unterstützen will, muss sie beide Seiten in den Blick nehmen: Sie muss zum Ersten Menschen motivieren und anregen, sich sozial zu engagieren, und sie muss ihnen dabei helfen, ihren Wünschen und Motiven entsprechende Dienste wahrzunehmen. Die bedeutet auch, dass Ehrenamtliche sich in ihren Diensten nicht nur als Handlanger sehen, sondern sie sich ihren Qualifikationen und Fähigkeiten entsprechend als gleichberechtigte Partner der Hauptamtlichen erleben können. Dies erfordert allerdings deutlich bessere Möglichkeiten der Qualifizierung und Fortbildung für ehrenamtliches Engagement als bisher.Aber auch die Einrichtungen und Dienste müssen in die Lage versetzt werden, Ehrenamtliche ihren Vorstellungen entsprechend einzusetzen. Das erfordert sorgfältige Einarbeitung auch in komplexe Handlungszusammenhänge, um so ein gleichberechtigtes Mit- und Füreinander von Haupt- und Ehrenamt zu ermöglichen. Diese Einarbeitung und Qualifizierung verursachen Kosten, die heute vielfach mit Blick auf die befürchteten Entgeltkürzungen gescheut werden. Will man ehrenamtliches Engagement tatsächlich fördern, muss man hier für Klarheit sorgen und z. B. durch einen Zuschlag zum Entgelt die Bereitschaft zum Einsatz Ehrenamtlicher stärken. Nicht Einsparen auf dem Rücken der Ehrenamtlichen darf die Devise lauten, sondern Stärkung der heute vielfach vorhandenen Motivation durch Anreize sowohl für die Freiwilligen durch gute Qualifizierungsmaßnahmen als auch für die Dienste und Einrichtungen, z. B. durch die Übernahme von Einarbeitungs- und Qualifizierungskosten. Das ist der Beitrag, den die Politik heute zur Förderung des ehrenamtlichen Engagements in der sozialen Arbeit leisten kann.

 

Für die Caritas in Nordrhein-Westfalen

 

Heinz-Josef Kessmann

Direktor des Caritasverbandes für das Bistum Münster